Deutschland will angreifenAufruhr bei Tischtennis-WM: "Chinesen sind nicht unkaputtbar"

Die "chinesische Mauer" hat in den vergangenen Monaten Risse bekommen. Bei der Tischtennis-WM in London wollen die Serienchampions aus dem Reich der Mitte ihre Dominanz wieder festigen - doch das deutsche Team spricht das Unaussprechliche aus.
Die Gala-Auftritte von Superstar Fan Zhendong für Bundesligist 1. FC Saarbrücken lassen Chinas Tischtennis-Fans wehmütig in Erinnerungen schwelgen. Mit dem Olympiasieger an der Spitze waren die Asiaten unangefochtene Dominatoren - doch durch den vorläufigen Rückzug ihres weiterhin stärksten Spielers von internationalen Aufgaben erscheinen die "Drachen" plötzlich verwundbar. Bei der Team-WM in London wollen die Serienchampions wieder klare Verhältnisse schaffen.
"Ich glaube, dass viele Mannschaften die Chance sehen", sprach Nationalspieler Patrick Franziska im SID-Gespräch das auch beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) viele Jahre Unaussprechliche aus, "dass man gegen China eben doch gewinnen kann".
Am Samstag steigen die Chinesen in die WM ein, und Franziskas Schlussfolgerung passt zur Analyse von DTTB-Sportvorstand Richard Prause: "Wegen der vielen neuen Turniere müssen auch die Chinesen mehr spielen. Dadurch haben sie kaum noch die legendären 100-Tage-Trainingslager. So sieht man jetzt, dass ihre Talente nicht von den Bäumen fallen, die Chinesen nicht mehr unkaputtbar und am Ende auch nur Menschen sind." Entsprechend hält der 59-Jährige China für "angreifbarer als früher".
China-Dominanz erschüttert?
Seit 25 Jahren und drei bis vier Spielergenerationen besetzen die Schmetterkünstler aus dem Reich der Mitte den WM-Thron und besitzen auch bei Olympia seit Einführung des Mannschafts-Wettbewerbs 2008 in Peking ein Gold-Abonnement. Die Zeiten völlig uneingeschränkter Überlegenheit aber scheinen vorbei.
In der Weltrangliste stehen nach zuletzt ungewöhnlich vielen Niederlagen für Chinesen nur noch Weltmeister Wang Chuqin auf Platz eins und ein weiterer Landsmann unter den Top 10. Ende 2024 gehörten inklusive Fan Zhendong noch sechs Chinesen zu den besten Zehn, im vorigen Sommer vier und zum Jahreswechsel immerhin noch drei. Beim Weltcup zuletzt in Macau etwa gewannen - einst undenkbar - drei deutsche Spieler Vorrundenduelle mit Chinesen.
Inzwischen bestimmt daher auch eine Frage die Debatten: Sind die "Schwächeanfälle" nur feine Risse in der "chinesischen Mauer" oder ist das Monument der Dominanz bereits in seinen Grundfesten erschüttert?
Von Zweifeln unbeeindruckt gibt sich Chinas Nationaltrainer Wang Hao betont selbstbewusst: "Wir erwarten bei der WM große Herausforderungen, aber wie immer ist der Titel unser Ziel." Ganz wie immer indes liegen die Dinge nicht mehr. Nach Ansicht von Bundestrainer Jörg Roßkopf haben die Chinesen weder Rahmenbedingungen noch Zeitgeist im gewohnten Umfang im Griff.
"Sehe ich heute bei den Chinesen nicht mehr"
"Früher", sagte der Ex-Weltmeister dem SID, "waren Bälle und Tische überall gleich, das haben die Chinesen gewusst, damit haben sie trainiert und dann waren sie auch fast immer perfekt. Heute sind es für sie zu viele Turniere mit wechselnden Materialien - das sind sie nicht gewohnt. Außerdem haben viele nachrückende Spieler nicht mehr den Antrieb und Ehrgeiz wie ihre älteren Vorgänger."
Gerade in der Einstellungsfrage liegen für Roßkopf mittlerweile Welten zwischen einem Fan Zhendong und Chinas heutigen Hoffnungsträgern: "Wenn Fan nach schweren Niederlagen frustriert war, ist er in die Trainingshalle gegangenen und hat Monster-Programme abgespult. Das sehe ich heute bei den Chinesen nicht mehr." Vielleicht auch darum schwelgen Chinesen bei Fan Zhendongs Bundesliga-Spielen wehmütig in Erinnerungen.